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Wer immer resilient sein muss, hat vielleicht ein Systemproblem


Resilienz gilt als eine der zentralen Kompetenzen unserer Zeit. Doch was passiert, wenn wir Menschen immer wieder darin stärken, mit Belastungen umzugehen – ohne zu hinterfragen, warum diese Belastungen überhaupt dauerhaft entstehen?


Resilienz ist wichtig. Keine Frage.


Menschen erleben Veränderungen, Konflikte, Unsicherheit, hohe Anforderungen und Situationen, die sich nicht einfach verändern lassen. Die Fähigkeit, auch unter Belastung handlungsfähig zu bleiben, auf eigene Ressourcen zurückzugreifen und nach schwierigen Erfahrungen wieder Stabilität zu entwickeln, ist deshalb eine wichtige persönliche Kompetenz. Und trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick.


Denn Resilienz kann auch zu einer erstaunlich bequemen Antwort auf Probleme werden, deren Ursache gar nicht beim einzelnen Menschen liegt. Wenn Mitarbeitende dauerhaft überlastet sind, sollen sie resilienter werden. Wenn Führungskräfte zwischen widersprüchlichen Anforderungen aufgerieben werden, brauchen sie mehr Selbstfürsorge. Wenn ein Team immer wieder an denselben Konflikten scheitert, sollen die Beteiligten an ihrer Kommunikation arbeiten. All das kann sinnvoll sein.


Aber manchmal ist die entscheidende Frage eine andere: Was ist, wenn der Mensch gar nicht das eigentliche Problem ist?


Resilienz wird häufig als Fähigkeit beschrieben, Krisen, Belastungen und Veränderungen zu bewältigen und dabei psychisch handlungsfähig zu bleiben oder diese Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen. Dabei geht es nicht darum, unverwundbar zu werden. Ein resilienter Mensch ist nicht jemand, an dem Belastungen spurlos vorbeigehen. Resilienz bedeutet auch nicht, alles aushalten zu können. Genau hier beginnt jedoch ein problematisches Verständnis von Resilienz.


Wenn Menschen dauerhaft mit Bedingungen konfrontiert sind, die sie überfordern, und die Antwort darauf immer wieder lautet, ihre persönliche Widerstandskraft zu erhöhen, verschiebt sich die Verantwortung. Strukturelle Belastungen werden individualisiert. Aus der Frage nach Arbeitsbedingungen, Führung, Ressourcen oder widersprüchlichen Anforderungen wird die Frage nach der Belastbarkeit des Einzelnen.


Das ist fachlich deshalb interessant, weil Resilienz nie ausschließlich eine Eigenschaft einer Person ist. Ob Menschen Belastungen bewältigen können, hängt immer auch davon ab, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen, wie viel Einfluss sie auf eine Situation haben und ob sie Unterstützung, Orientierung und Handlungsspielräume erleben.


Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum.


Ein Mensch kann sehr gut darin sein, mit Belastungen umzugehen – und trotzdem an Bedingungen geraten, die auf Dauer nicht gesund kompensierbar sind. Mehr noch: Gerade besonders leistungsfähige und verantwortungsbewusste Menschen können problematische Bedingungen lange ausgleichen. Sie springen ein, übernehmen zusätzliche Verantwortung, finden Lösungen und halten Abläufe aufrecht.

Das wirkt zunächst wie Resilienz.


Gleichzeitig kann genau diese Fähigkeit dazu führen, dass notwendige Veränderungen ausbleiben. Solange jemand kompensiert, bleibt ein Problem möglicherweise unsichtbar. Vielleicht sollten wir deshalb Resilienz nicht nur daran messen, wie gut jemand Belastungen aushält, sondern auch daran, wie gut jemand erkennt, wann eine Situation nicht mehr durch persönliche Anpassung gelöst werden kann.


Denn Selbstregulation bedeutet nicht nur, sich selbst wieder zu stabilisieren. Sie kann auch bedeuten, Grenzen wahrzunehmen, Einflussmöglichkeiten realistisch einzuschätzen und sich bewusst gegen eine weitere Anpassung zu entscheiden.


Die Antwort kann deshalb nicht lauten: weniger Resilienz.


Wir brauchen resiliente Menschen und resiliente Organisationen. Aber echte Resilienz bedeutet nicht, möglichst lange unverändert weitermachen zu können. Manchmal zeigt sich Resilienz gerade darin, etwas zu verändern: Eine Grenze zu setzen. Einen Konflikt anzusprechen. Eine Verantwortung zurückzugeben. Eine Entscheidung einzufordern. Eine bisherige Vorgehensweise infrage zu stellen.


Oder anzuerkennen, dass nicht immer der einzelne Mensch „besser funktionieren“ muss, sondern manchmal die Bedingungen verändert werden müssen.


Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Frage. Wenn Menschen dauerhaft belastet sind, fragen wir häufig: „Was können wir tun, damit sie besser damit umgehen können?“ Diese Frage ist legitim. Sie sollte nur nicht die einzige sein.


Ebenso wichtig ist die Frage:

„Was genau verlangen wir hier eigentlich von einem Menschen – und ist es wirklich seine Aufgabe, das dauerhaft auszugleichen?“


Denn wer immer resilient sein muss, hat vielleicht tatsächlich ein Systemproblem.

Und manchmal ist die resilienteste Reaktion nicht, noch mehr auszuhalten.

Sondern zu erkennen, wann Anpassung aufhören und Veränderung beginnen muss.

 
 
 

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